Delfine aus Lichtfilz



Der erste, große Delfin: So wurde er gefilzt


 

Als einer der ersten Lichtfilzlinge entstand auch ein großer Delfin. Eigentlich war er wie viele der ersten Versuche noch viel zu locker und lang geraten, denn er maß bestimmt seine 60 cm. Ich brachte den Delfin mit meiner struppigen Aufbauwolle in Form, dann nadelte ich eine farbige Haut aus gut nassfilzendem Wollvlies trocken und nur lose auf, bedeckte den Bauch mit hellblauer Wolle und achtete dabei darauf, die Wollflusen mit der großen Nadel punktuell tief im Körper zu verankern. Schließlich holte ich meine Auto-Gummimatte mit groben Riffeln, legte sie auf den Küchentisch, um überschüssiges Wasser aufzunehmen und zurückzuhalten. Darauf kam ein altes großes Badetuch, mehrmals gefaltet. Ich stellte mir alles bereit, was ich brauchte: Heiße Seifenlauge, Seifenblock und Pinsel.

 

Dann nahm ich den Delfin und legte ihn vorsichtig auf das Handtuch, drückte mit dem Pinsel die Wolle feucht nieder, setzte dann daneben wieder an und machte das gleiche. Nachdem ich eine größere Stelle platt gedrückt und mit Lauge angefeuchtet hatte, nahm ich mit dem Pinsel etwas extra Seife vom Seifenblock und begann, die Stelle langsam kreisend zu streicheln, erst nur hauchzart, sonst verrutschte die Wolle. Es gab da einen Zeitpunkt, wo ich spürte, jetzt hatten die Wollfasern sich verbunden, die lose Wolle sich Filz verwandelt. Das passiert nicht kontinuierlich, sondern eher sprunghaft. Dann kreiste ich weiter mit dem Pinsel, aber kräftiger und auch entgegengesetzt, um den Filz an der Stelle noch tiefer zu verankern. Danach ging ich zur anliegenden Fläche über.

 

Obwohl ich erst die Flächen filzte, die bei dem ständigen Drehen und Wenden der Figur am meisten beansprucht wurden, weil der Delfin dort auflag, hielt ich mich auch an mein oberstes Prinzip, erst einmal angrenzende Stellen zu filzen, sonst entstanden nämlich zu viele Falten. Ich arbeitete mich mehrfach über die ganze Figur mit ganz heißer Seifenlauge und wesentlich kräftigeren Pinselstrichen, denn je heißer die Lauge, um so schneller ging es. Schließlich war der Filz so haltbar, dass ich mit ihren Händen weiter rubbeln konnte und das tat ich ausgiebig und mit Leidenschaft.

 



Und ich besitze Filzhände!

Ein Leben lang hatte man mich immer wieder verwundert auf meine rauen Hände angesprochen, aber fürs Filzen schienen die nun geradezu perfekt. In einem der drei Filzgrundkurse erfuhr ich dann auch noch, dass es bei manchen Filzerinnen trotz sonst gleicher Bedingungen wesentlich schneller voran ging als bei anderen. Sogleich schaute ich mich unter den anderen Teilnehmerinnen um und wusste: Ich war eindeutig auch jemand mit dem Filzhändchen. Und um genau zu sein, kann ich mit der rechten Hand viel intensiver und schneller nassfilzen, aber mit der linken Hand geht das Nadelfilzen viel genauer und geschickter von der Hand, das fiel mir damals schon auf. 

 

Ich war nämlich eigentlich Beidhänder oder wie meine Professorin in der Berliner Charité es genannt hatte, "Ambidexter". Mit einer leichten Tendenz, die linke Hand zu bevorzugen. Und das kam mir beim Filzen nun enorm zu Gute.  Ich musste keine Pausen machen, ich wechselte einfach die Hand.

 

Aber zurück zu dem Delfin auf dem Tisch. Während der ganzen Vorarbeit freute ich mich schon auf den Augenblick, wo ich meinen Lichtfilzling das erste mal gefilzt in die Hand nehmen konnte, ihn streicheln und reiben. Und dann rieb und rieb ich, schöpfte mir mit der hohlen Hand neue Seifenlauge darüber, holte mir immer wieder Seife vom Klotz an meine Hände – und rubbelte glücklich vor mich hin. Wie jeder vorherige Filzling erhielt auch der Delfin seinen unverwechselbar individuellen Ausdruck genau in dem Augenblick, als die Wolle sich zu Filz transformierte. Und mein erster Delfin sah alles andere als fröhlich aus, das musste ich mir zugeben, doch ich entschied er sei fertig. Ich vermied es, ihn trocken zu quetschen, das hätte ihn zu stark verformt. Also duschte ich ihn mit einem festem Strahl kaltem Wasser, bis alle Seifenlauge verschwand und nur noch klares Wasser daran abperlte. Dann hängte ich den Delfin an den Schwanzflossen über der Badewanne zum Trocknen auf.

 

Irgendwie hatte sich die innere Wolle jedoch intensiver verfilzt und war dadurch auch mehr geschrumpft als die Außenhaut, jedenfalls spannte sich die Haut nicht wirklich und die Falten blieben. Und ohne Spannung und Muskeltonus sah der Delfin ziemlich schlapp aus. Aber ich wusste auch nicht weiter, ich hatte bereits so viel Arbeit in den Delfin gesteckt, meine Motivation war nun erschöpft. So entschied ich, ihn in genau diesem Zustand zum Geschenk zu machen. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, sagt ein altes Sprichwort, an das ich dachte, obwohl ich den Delfin ja mit aller Liebe gefilzt hatte und auch so verschenkte, nur schön war er eben nicht. Dann überlegte ich, für wen aus ihrem Freundeskreis der Delfin bestimmt sein könnte und wählte meine Freundin Bärbel aus. Ich wusste nämlich von ihr, dass sie Delfine liebte und das Delfinposter bei Bärbel im Bad gefiel mir sehr. So war es auch einfach naheliegend, ihr den Delfin anzubieten. Ich war bereit, den Delfin noch nach deren Wünschen zu verändern – später, wenn ich wieder Lust dazu fände. Ich reinigte und klärte den großen Delfin noch am Ende, wie ich mir das nun längst angewöhnt hatte.

 

Bärbel freute sich über diese Idee und lud mich für die Übergabe zum Italiener ein. Dort inspizierte Bärbel ihren Delfin gründlich, die Bedienung musste einige Male kommen, bis wir beide bestell-fähig waren, so abgelenkt, ins Gespräch vertieft und guter Dinge wurden wir durch den Delfin. Auch Bärbel meinte, dass er noch kein richtiger Delfin sei. Irgendwie stimmte er noch nicht. Auch sie wusste nicht recht, wieso. Vielleicht das ganze schlappe Rumhängen oder das Maul? Aber Bärbel wollte ihn auch erst einmal so mitnehmen und später weiter sehen. Und natürlich hatte sie sich trotzdem auch sehr gefreut über den Delfin.

 

Kurze Zeit später rief sie mich an und erzählte, was sie herausgefunden hatte:

"Der ist wie ich. Schafft es irgendwie noch nicht, das Maul aufzumachen und hängt einfach nur rum."

Und sie nannte ihren Delfin zärtlich "Finchen". Von Del-Finchen.

 

Als ich sie wieder einmal anrief, saß Bärbel gerade in einer dicken Decke eingeschlagen hinter der sonnenbeschienenen Glastür mit ihrem Delfin im Arm und meinte:

"Finchen und ich sinnieren so vor uns hin." Jedenfalls nannte sie das so, und das bekam ich noch oft und über viele Wochen zu hören. Ich konnte mir das auch gut vorstellen. Der Delfin hatte so was Zerbrechliches, Unfertiges an sich, so dass man ihn einfach in den Arm nehmen wollte und gut behüten musste. Und in seiner Körperform konnte er sich wie keine andere Filzfigur ganz an den Körper anschmiegen.

Fortsetzung weiter unten...

 


Andere Delfine in verschiedenen Größen



 

Fortsetzung...

Nach wieder einigen Wochen meldete Bärbel sich erneut und erzählte mir, dass sie die letzten Wochen jeden Tag über eine Stunde geweint hätte und Finchen habe sie dabei getröstet. Das sei bei all ihrer Traurigkeit so schön gewesen. Aller Kummer sei einfach fort geflossen. Bärbel war ganz berührt davon und ich natürlich auch.

"Es ist so schön mit dem Delfin im Arm! Es ist, als würde ich mich selbst im Arm halten und trösten."

Und wieder ganz schwärmerisch: "Wir sind uns so ähnlich."

 

Dann erklärte sie mir den aktuellen Anlass ihres Anrufs: Jetzt hätte sie genug geheult, jetzt wolle der Delfin überarbeitet werden, vor allem aber wollte er einen offenen Delfinmund erhalten und Bärbel selbst wollte Meditationen geben, also auch ihren Mund öffnen. Über diese Analogie mussten wir beide herzlich lachen. Ich liebte Bärbel und ihren feinen Humor einfach sehr! Und für die Überarbeitung bot sie mir eine gute Summe an, mit der ich hoch zufrieden sein konnte.

 

Bärbel wurde mit der Zeit überhaupt zu einer der größten Sponsoren der Lichtfilzlinge und förderte noch so manches. Meine Lichtfilzlinge und ich verdanken ihr ganz viel und sind auch ganz froh mit ihr. Danke, Bärbel!

 

Nun kam der erste Delfin also zu mir zurück und ich hatte grade auch wieder Lust weiter zu filzen. Ich überarbeitete ihn liebevoll. Der Delfin schaute dann auch schon viel fester und kräftiger ins Leben. Besser konnte ich es noch nicht. Später und mit viel mehr Erfahrung lernte ich es dann nochbesser zu machen. Ich beendete das Nassfilzen, die Haut besaß nun mehr Muskeltonus, aber sie sah immer noch so runzelig aus, als sei der Delfin nicht richtig ausgestopft. Nun ging es ans Maul. Das wurde zu einem echten Problem.

 

Was hatte ich da eigentlich falsch gemacht, dass er nicht nach Delfin ausschaute? Ich nahm mir Postkarten und Bücher vor. Bisher konnte ich alle Filzfiguren alleine aus innerer Anschauung gestalten, aber der Delfin gelang nicht ohne visuelle Hilfe. Schließlich erkannte ich durch den Vergleich mit Delfinfotos deutlich die typischen Merkmale, die das Maul erst zum Delfinschnäuzchen werden ließen. Ich musste es kürzen und vollkommen anders formen.

 

Das übernahm ich von da an als Vorgehensweise: Ich arbeite nach dem Gedächtnis und mit Impulsen, Inspiration und Stimmigkeit. Nur dort, wo es einfach komisch aussah, suchte ich in Tierbüchern und Lexikas nach Klarheit und nach den typischen Merkmalen. Es ging mir bei meinen Lichtfilzlingen um eine eigene Interpretation und Umsetzung und nicht um die fotografisch genaue Wiedergabe. Manche meiner Lichtfilzlinge wirken daher auch eher wie Comicfiguren und ich könnte mir sogar einen ganzen Puppenfilm mit Lichtfilzlingen vorstellen. Ich hatte einfach so eine unglaubliche Lust, diese Filzfiguren zu erfinden!

 

Ich sollte das Maul von Finchen öffnen, darum hatte Bärbel mich gebeten, und dazu musste es aufgeschnitten werden. Ich fragte schließlich das Wesen da drinnen, ob ich ein Stück vom Maul des Delfins abschneiden und mit dem Cuttermesser quer halbieren und es öffnen dürfe, aber ich erhielt keine Antwort. Stille. Keine Stimme im Kopf, einfach nichts. Ich hatte mir das alles mit den sprechenden Lichtfilzlingen offensichtlich nur eingebildet, dachte ich deshalb. Das war der Anfang einer Psychose, von Realitätsverlust. Wer wusste schon, wie viele Puppenmacherinnen in den Klapsmühlen saßen, weil sie mit ihren Puppen redeten!

 

Andererseits konnte man es vielleicht auch einfach nur als eine liebenswerte Macke abzutun. Oder es handelte sich doch um eine echte alternative Realität. Zu solchen Gelegenheiten rief ich dann eine meiner Freundinnen an und die hörten mir zu und wir fanden dann meist unter Lachen heraus, dass wir eigentlich fast ganz normal waren. Lachen befreit!

 

Beherzt und ohne ein innerliches O.K. setzte ich also erst die Schere und danach das Skalpell an und öffnete dem Delfin das Maul, nachdem ich es zurecht geschnitten hatte. Ich lauerte nach innen. Nichts passierte. Kein Schmerzensschrei. Dann besserte ich das Maul aus, stabilisierte es und überzog die beiden Maulhälften außen blau und innen rosa.

 

Erst hinterher fiel mir ein, dass Finchen noch nie mit ihr geredet hatte so wie die Ente, aber wie auch: Finchen konnte doch das Maul noch gar nicht öffnen! Wie sollte sie da reden! Jedes Kind hätte mir das sagen können. Denn nun hörte ich das Delfinchen in meinem Kopf reden, noch etwas zart und leise zwar, aber doch, und Finchen schien zufrieden und froh. Und so verließ ein fertiges, schönes Finchen mit geöffnetem Maul mein Lichtfilz-Sanatorium und Bärbel nahm ihren Delfin wieder begeistert in Empfang.